BIRGITTA KNAUTH SCHMUCK - GALERIE
BIRGITTA KNAUTH    SCHMUCK - GALERIE 

NELLY STEIN

 

 

Die Revolution der kleinen Dinge.

 

Die großen Worte schreiten den kleinen Dingen voran und stellen sie in ihren Schatten. Eine Revolution, die ist groß – klingt es in unseren Ohren. Revolutionär, das ist kraftvoll – so malen wir es uns aus. Revolutionär*innen, die sind mutig und strategisch – stellen wir uns vor. Groß soll sie sein – eine Revolution. Und das große Wort schreit uns an. Wir denken an Massen. Banner. Lärm. Wir denken an Umsturz. Machtübernahme. Neuaufbau. Wir denken an Wut. Stürmungen. Gewalt. Schreie. Gegengewalt. Wir denken an Veränderung. Verwahrlosung. Verlust. Verrat. Wir stellen uns vor. Wir stellen uns vor. Revolution. Groß. Größer. Ur-Groß. Unfassbar.

Die kleinen Dinge verlieren sich im großen Narrativ. Wir denken nicht an Details. Eingriffe. Taktiken. Wir denken nicht an Unorganisiertheit. Spaß. Willkür. Wir denken nicht an Gesten. Beziehungsweisen. Interventionen. Wir denken nicht an Unerkennbares. Schattendasein. Kurzlebigkeit. Miniaturen. Wir denken nicht an Schmunzeln. Stolpern. Beobachtung. Diffusion. Wir denken nicht an Tragbarkeit. Greifbarkeit. Haltbarkeit. Wir stellen uns nicht vor. Revolution. Klein. Kleiner. Ur-Klein. Unfassbar.

Stellen wir uns jetzt mal so vor: Die Revolution der kleinen Dinge. Das ist kein Umsturz und will es auch nicht sein. Das sind die kleinen Schritte und Eingriffe, die sich mit großen Ideen, direkt vor uns ausbreiten. Es sind die kleinen, scheinbar stillen Schritte des Glases, des Aluminiums, der Tinte, des Garns, des Bleis, der Druckfarbe, des Papiers, des Gewichts, der Leichtigkeit.

 

Die Revolution der kleinen Dinge ist Vergesellschaftung, Solidarität und Propaganda. Edelsteine und Kristalle wachsen und vermehren sich auf Papier, werden groß. Vervielfältigbar wird das Unbezahlbare für Massen erschwinglich, sichtbar und entbehrt der Ausbeutung von Minenarbeiter*Innen und Schürfer*Innen, die vom Glanz der Steine ausgeblendet werden und in unserer Verblendung in Vergessenheit geraten. Die Kristalle werden zu einer Struktur für alle, zur Struktur, die die Exklusivität des Privatbesitzes auflöst. Als Poster und Flugschriften verbreiten sie sich in Windeseile, werden davon getragen, zusammengetragen, weiter getragen, versammeln sich, schwirren aus, stören, untergraben und behalten es sich vor, nicht das zu sein, was wir sehen wollen.

 

Die Revolution der kleinen Dinge ist das Durchbrechen des Alltags, der gesellschaftlichen Normen. Sie ist ein über sich Herauswachsen und eine Intervention gegen das Weltverstummen. Der Alltag wird umgeformt, indem sein Material zur Grundlage des Durchbruchs wird. Ein Durchbruch durch die Spitzengardinen, die das Private definieren, die die Außenstehenden von den Drinnenseienden trennen. Brachial wird die Mauer der Bourgeoisie, der Kleinfamilie, des Heimeligen durchbrochen und lastet schwer an unseren Hälsen und Fingern. Niemand hat behauptet dass ein Abschied vom Gewohnten leicht ist.

 

Die Revolution der kleinen Dinge ist kein großer Knall sondern Spurenhaftigkeit und Beziehung.Langsam wandert das Objekt der Begierde von Hals zu Hals, entzieht sich dem Warenfetisch, welcher sich langsam darauf projiziert; entkommt der Besitzbarkeit; lässt die Träger*innen allein und hinterlässt doch seine Spuren. Das Versprechen der Geborgenheit des Glascontainers liegt nicht mehr im Tragen des Objekts, sondern in der Beziehungsweise, die davongetragen wird. Die Flüchtigkeit wird zum Teil aller, Erkennungszeichen, Distinktionsmerkmal, Verbindungselement, Spur des Teilens, Präsenz des symbolischen, gemeinsamen Reichtums. Und so wird der Schmerz des Drecks zur Lust an neuen Verbindungen.

 

Die Revolution der kleinen Dinge ist hier nicht vorbei. Sie hat gerade erst begonnen, nimmt viele Formen an, spielt mit uns, nimmt uns mit und entlässt uns wieder… und mit Tintenflecken auf dem Hemd, tragen wir sie aus dem Spektakel heraus…

 

Hanna Stein, 2020

 

 

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